Liebe in Zeiten des Christopher Street Day

VON THORBEN LEO

Glücklich vermählt

+Glücklich vermählt (FR)

Weil im Sommer 2005 zwei Menschen im Iran als Strafe für ihre Homosexualität hingerichtet wurden, darf Andre in Deutschland leben. Lange vor dem Fall, war der gebürtige Armenier Andre Aragoli im Jahr 2002 aus seiner Heimat Iran geflüchtet. "Nur meine Mutter wusste von meinen Neigungen", erzählt der 34-Jährige heute, fünf Jahre nach der Flucht, bei einem Sommerspaziergang mit Ehepartner Sevastos Sampsounis (41) durch den Frankfurter Holzhausenpark. "Als Schwuler ist man im Iran geächtet, lebt ständig in Todesangst. Ich musste dringend weg." Die Männer haben am 27. Juli 2005 im Römer geheiratet, zwei Tage nachdem Andre die Justizvollzugsanstalt Kassel verlassen hatte.

Zwischen der gewachsenen Liebe, die das Standesamt Frankfurt zunächst nicht verbinden wollte, standen Gefängnisaufenthalte, Ängste vor Abschiebung, eine gescheiterte und eine vollzogene Eheschließung. Ferner 6000 solidarische Unterschriften und eine verärgerte Oberbürgermeisterin Petra Roth.

"Es ist eine Verkettung glücklicher Umstände und Folge vieler Kämpfe, die es Andre und mir ermöglichen jetzt glücklich durch Frankfurt zu laufen," sagt Sevastos Sampsounis, der seinem Lebensgefährten wegen der EU-Mitgliedschaft Griechenlands ein Leben in Deutschland ermöglicht. Das Standesamt unterstellte jedoch eine Scheinehe und rief bei der Hochzeit die Polizei, um Aragoli verhaften zu lassen. Der flüchtete aus dem Römer, stellte sich jedoch wenig später resignierend der zuständigem Ausländerbehörde im hessischen Korbach, die ihn sofort in die JVA Kassel einwies.

Während der Iraner im Gefängnis auf seine Abschiebung wartete, kam es auf der Bühne am Christopher Street Day zum Eklat. Der Grünen-Politiker Volker Beck ließ es sich nicht nehmen, Oberbürgermeisterin Petra Roth auf den Fall Aragoli vor rund 5 000 buhenden Lesben und Schwulen anzusprechen. Nach einem FR-Bericht über die Geschichte war der Fall schon vorher hitzig diskutiert worden. Beck rief: "Wenn man es mit Menschenrechten ernst meint, kann man nicht Homosexuelle abschieben." OB Roth antwortete äußerst verärgert, der Grüne mische sich "ungefragt in die Angelegenheiten der Stadt ein". Im Übrigen kümmere sich ihr Referent darum. Andre Aragoli, nichts ahnend in der Zelle hockend, wollte aufgeben - doch kurz vor den damaligen Bundestagswahlen war der Fall nach den Hinrichtungen im Iran zum Politikum geworden. Aragolis Partner Sevastos Sampsounis erkannte die Chance, die sich durch die Auseinandersetzung beim Christopher Street Day auftat. Noch während der Veranstaltung lief er mit einem Schild "Rettet Andre" herum und sammelt Unterschriften gegen die Abschiebung. "Es war eine überwältigende Solidarität", sagt Sampsounis, der auch an seiner Arbeitsstelle, dem Café Größenwahn im Nordend auf Unterschriftenfang ging. Mehr als 6 000 kamen zusammen; "in unserem Internetforum erreichten uns gute Wünsche aus aller Welt".

Am 25. Juli 2005 verließ Andre Aragoli nach sechs Tagen Haft die JVA in Kassel und stieg in einen Zug nach Frankfurt, wo Freunde mit Blumen am Gleis auf ihn warteten. Am nächsten Morgen klingelt das Telefon bei Sampsounis; das Standesamt Frankfurt ist dran und fordert die beiden Männer auf, vorbeizukommen.

"Unrasiert und in Jeans sind wir los", erinnern sich beide lächelnd. "Wir dachten, es sei eine Terminbesprechung." Doch die Standesbeamtin, die ihnen beim ersten Versuch der Eheschließung noch eine Scheinehe unterstellte , bot den verdutzten Männern die sofortige "Verpartnerung" an. Überglücklich willigten sie ein.

Heute, zwei Jahre später, freuen sich Andre und Sevastos auf die Feierlichkeiten am Chistopher Street Day. "Es ist unser eigentlicher Hochzeitstag", sagt der Grieche. Als Schriftsteller hat er bereits zwei Romane über schwule Liebe zwischen Immigranten geschrieben. "Und wir sind noch immer glücklich verheiratet," fügt Andre in Anspielung auf die unterstellte Scheinehe hinzu.

Das Glück kam nach der Verkettung einiger Ereignisse: den vorgezogenen Bundestagswahlen, dem aggressiven Eingreifen des Grünen-Politikers Volker Beck und der bissigen Reaktion von OB Roth. Aber auch wegen des Engagements der vielen Lesben und Schwulen an der Konstablerwache beim Christopher Street Day.